Da ist sie wieder, die Fitness-Studio-Frage

15 Feb

Gehe ich heute Mittag ins Fitness-Studio oder nicht? Laut Trainingsplan bin ich schon einen Tag überfällig. Andererseits: Man soll den Muskeln auch zwischendurch ausreichend Zeit zum Aufbau geben. Relax, don’t do it! Und nicht mit Muskelkater hingehen! Habe ich aber auch nicht, leider. Also heute Mittag, oder spätestens morgen Mittag, je nachdem. Je nach was? Weiß nicht, die innere Uhr, man soll ja nicht gegen den inneren Rhythmus verstoßen. Vielleicht mache ich auch einfach zu Hause ein paar Übungen. Könnte man sowieso mehr oder weniger auch alles zu Hause machen, macht man dann aber nicht, ich weiß.

Also heute Mittag, dann ist es auch schön leer. Manchmal sind da nämlich ganz schön peinliche Leute am Start, wie letztens: Da hat einer an der Lat Machine 30 Kilo gezogen, habe ich genau gesehen, sechs Briketts. Als ich dann nach ihm an die Machine kam, hatte er das Gewicht noch schnell auf 50 Kilo gesteckt, nur damit ich denke: „Oh, na das ist ja mal ein Bulle.“ Als wenn ich nicht logischerweise schon vorher rübergesehen hätte! Armselige Triumphe.

Es gibt aber auch ganz bescheidene, unauffällige Leute. Lesen da auf dem Fahrrad ihre „Welt kompakt“, ganz genügsam, als wenn es das Selbstverständlichste der Welt wäre, Stunden über Stunden in dieser freudlosen Parallelwelt zu verbringen. Oder neulich eine, die lehnte ganz unprätentiös im Handstand an der Wand, wohlgemerkt: auf einer Hand! Da habe ich dann drauf verzichtet, vor ihren Augen noch meine Rückengymnastik mit dem Ball zu machen.

Regnet’s eigentlich draußen? Leider nicht, spricht nix gegen heute Mittag. Kann ich also schön mit dem Fahrrad hinfahren, ist man schon mal warm, wenn man da ist. Und dann ab in die Umkleidekabine, rein in den muffigen Geruch, rein in die übertrieben lauten Gespräche: „Mountainbike repariert“, „Zerrung, geht aber bald wieder“, „Wart Ihr noch lange da?“ Unnötig langsam stolzieren die braungebrannten 80-Kilo-Zieher aus der Dusche, nur das weiße Handtuch um, oder am besten gar nichts. Ich bin nie ein Freund dieser ganz spezifischen Umkleidekabinen-Atmosphäre gewesen, schon in der Schule nicht. Lieber ganz dezent in der Ecke blitzschnell umziehen, und dann nichts wie raus, raus, raus.

Wenn ich heute nicht gehe, muss ich bald alle Gewichte wieder reduzieren. Dann kann ich gleich ganz aufhören, und der Jahresbeitrag ist futsch. Darauf basiert ja deren Geschäftsmodell, auf den ganzen Karteileichen, sonst wäre es unerträglich voll. Durchschaue ich doch alles.

Also hingehen. Wahnsinn, welchem gesellschaftlichen Druck man sich immer wieder beugt, um den Anforderungen an attraktive Körper zu entsprechen. Nur, dass das klar ist: Ich entspreche da voll und ganz, aber es ist harte Arbeit, und total fremdbestimmt, entspricht eigentlich gar nicht meiner “mach dein Ding”-Agenda.

Vielleicht gehe ich hin. Aber nur vielleicht.

(Foto: Kieser Training AG/Michael Ingenweyen)

No Future, nur mal ganz kurz

14 Feb

Das darf nicht wahr sein: Der Zusatz „3.0“ als Ausdruck für besonders zukunftsweisende Themen ist offenbar immer noch nicht unter Strafe gestellt oder zumindest ausreichend gedisst worden. Denn das eigentlich kluge F.A.Z.-Institut lädt demnächst zur Veranstaltung „Leben 3.0 – Treffpunkt Zukunft“ (Foto oben) ein. Da geht es darum, wie sich “unser Leben ins Zukunft gestalten” wird. Und damit das so richtig futuristisch herüberkommt, holt man die Allzweckwaffe raus: „3.0“, das passt immer, warum nicht gleich zum ganzen Leben?

Was heißt „Leben 3.0“? Dass wir jetzt im „Leben 2.0“ sind, bestimmt seit es das Internet gibt. Und das ganze triste Einzeller-Leben vorher, Milliarden von dumpf und „offline“ verbrachten Jahren, das ist „1.0“, logo. Wann ging diese Zeitrechnung eigentlich los? Kurz, nachdem – durchaus nachvollziehbar – das „Web 2.0“ kam, gab es kein Halten mehr. Wer eins draufsetzen wollte, ging schon bald forsch zum „3.0“ über, um seinen “Think Ahead”- und “The New Landscape of…”-Kongressen den letzten verbalen Schliff zu geben.

Aber wann ist “3.0″ jeweils da? Wann sagt mal einer: „Doch, man kann jetzt von der Küchenkultur 3.0 sprechen, im Toaster sind genug intelligente Items drin. Dann macht mal ruhig mit 4.0 weiter.“ Wahrscheinlich entscheidet das Apple.

Überhaupt, diese ganze Zukunftsforschung. Immer geht es darum, wie „wir“ leben werden, aber nie darum, wer das überhaupt sein soll – meist nämlich „wir, die wir uns den ganzen Technik-Schnickschnack leisten wollen und können“. Und immer wird alles gut, immer macht Zukunft mächtig Spaß. Wer das relativiert, wird gleich vom strengen Optimismus-Puristen Matthias Horx unter „Bedenkenträger“-Verdacht gestellt, aua. Aber haben die leise vor sich hinschnurrenden Elektroautos wirklich Platz auf den zur Lärmdämmung mit Teppichboden ausgelegten Straßen der Zukunft? Oder marodiert dann da die EU-Pleiteländer-Jugend, die uns an unsere gemeinsame Verantwortung als Europäer erinnert? Tja, Komplexität, der Feind der glatten These.

Meine Bitte: Können wir mal ganz kurz aufhören mit Zukunft und uns mit der Gegenwart beschäftigen, da ist einiges los, Eurokrise, Revolutionen, Einschaltquoten Gottschalk Live, Themen gibt’s genug. Wirklich nur ganz kurz, dann wieder „interaktiver Kühlschrank“, versprochen.

“Branchengerüchte kommentieren wir grundsätzlich”

13 Feb

… und zehn weitere Sätze, die uns in Manager-Interviews mal wirklich überraschen würden:

  • Sie haben Recht, meine neue Position kann man bestenfalls als „Seitwärtsbewegung“ betrachten.
  • Ich bin ein geduldiger Mensch, dem es oft viel zu schnell geht.
  • Wir werden künftig weniger vom Kunden, sondern stärker von unseren internen Prozessen her denken.
  • Unsere Investitionsstrategie ist auf den schnellen Erfolg ausgerichtet, wir orientieren uns recht kurzatmig an Quartalsergebnissen.
  • Nein, unsere Branche leidet nicht unter Preisdruck, es wird auch keine weitere Konsolidierung geben und eine klare Positionierung wird nicht wichtiger.
  • Nein, unser Markt befindet sich nicht im Umbruch und 2012 wird deshalb auch kein Jahr sein, in dem entscheidende Weichen gestellt werden.
  • Nein, wir sind zurzeit nicht dabei, unsere gesamten Prozesse zu optimieren und effizienter zu werden.
  • Im Internet werden wir uns etwas zurücknehmen – da ist die Party bald vorbei.
  • Krisen müssen nicht zwangsläufig Chancen sein.
  • Nein, ich jogge nicht, und der New York Marathon geht mir am Arsch vorbei.  

Bild fällt heute weg, keine Zeit zum Suchen.

Briefkastenwerbung: Nicht mit den Wölfen heulen!

9 Feb

In letzter Zeit liege ich nachts oft lange wach und mache mir Sorgen über die Zukunft der Briefkastenwerbung. Neulich hat ja ein vorwitziger Anwalt verlangt, „Einkauf aktuell“ nicht mehr zugestellt zu bekommen, und das, ohne einen „Keine Werbung“-Aufkleber anbringen zu müssen – ein Gericht gab ihm Recht! Wenn das Schule macht, Prost Mahlzeit. Die Unternehmen müssten dann aufwendige Listen über die einzelnen Werbeverweigerer führen, um die Sensibelchen nicht illegal zu behelligen. Dann lässt man’s doch lieber ganz sein.

Was schade wäre, denn ich find Briefkastenwerbung klasse – die ganzen bunten Zettelchen, die einem da jeden Morgen entgegenpurzeln, und man kann so viel sparen! Ich warne Euch auf jeden Fall, nur weil es modern ist, mit den Wölfen zu heulen und auch einen „Keine Werbung“-Aufkleber draufzumachen. Denn dann, ich seh’s schon kommen, dann sitzt Ihr da morgens, nur mit dem Kaffee und dem Butterbrot, und fragt Euch: Welche Pizza-Bringdienste es wohl in meiner Gegend gibt? Wen rufe ich eigentlich an, wenn ich plötzlich einen Umzugsservice benötige? Ob man sich bei Fitness First im Rahmen der Aktion „Starte in dein Fitness-Jahr 2012“ diesen Monat die Aufnahmegebühr sparen kann? Ihr werdet es nicht erfahren!

Und überhaupt, die ganze Haltung, die hinter der Verweigerung steckt: „Werbung? Oh, da stehen wir drüber, die brauchen wir in unserem wertvollen, selbstbestimmten, hochwertigen, authentischen Leben nicht, mein Briefkasten gehört mir!“ Und erst die oberaffigen „Keine kostenlosen Zeitungen“-Aufkleber: Nein, die Damen und Herren Superverdiener wollen natürlich keine „kostenlosen“ Zeitungen, sie wollen für ihre Zeitungen lieber zahlen, zahlen, zahlen, wenn’s einer hat, dann ja wir.

Briefkastenwerbung ist auch deshalb toll, weil sie sich ja an mich ganz persönlich richtet, so wie Briefe. Wenn ich Werbung im Fernsehen gucke, weiß ich ja gar nicht, ob ich als Adressat überhaupt interessant bin oder nur ein “nice-to-have”, ein “add-on” im Mediaplan bin. Bei der Briefkastenwerbung ist man ganz aufrichtig gewollt, “Herr Klaus Janke” heißt es da, oder zumindest “an die Bewohner des Hauses”, in dem ich ganz persönlich wohne.

Man kennt den Effekt ja: In der Fußgängerzone geht man auf einen Flyer-Verteiler zu und legt sich schon die Worte zurecht, mit denen man den Flyer ablehnen will. Aber dann bekommt man gar keinen angeboten! Die kurz zuvor noch freigebige Hand wird reflexhaft zurückgezogen. Nein, die Eröffnung der neuen Ardi-Goldman-Disco oder der Hollister-Filiale soll ohne Klaus Janke stattfinden, den wollen wir da gar nicht. Nicht dass ich da hingehen würde, aber ich will GEFRAGT WERDEN!  

(Die meist noch recht jungen Flyer-Verteiler kapieren ja meist gar nicht, welche Adressaten interessant und welche nicht. Weil sie so strunzdumm sind, müssen sie diesen Job ja überhaupt machen, und mit der Tatsache leben, dass sie keine, aber wirklich absolut keine anderen Perspektiven im Leben haben werden. Gut so!)

Darum geht es: Als Adressat gewollt zu sein. Und das vermittelt Briefkastenwerbung, die man retten muss. Sonst heißt es später wie bei den Tante-Emma-Läden, die hinterher keiner mehr wollte: Persönlicher war’s schon.

Alpecin: Die Provozierbarkeit wird knapp

8 Feb

Liebes Alpecin,

für Dich wirbt ja jetzt Jan Ulrich, der Radfahrer, den wir noch gut vom Doping-Skandal kennen. Im Internet hat das schon für viel Aufregung gesorgt, weil es Dich ja unter anderem als Anti-Haarausfall-Mittel gibt, das mit dem Slogan „Doping für die Haare“ angepriesen wird. Die Zusammenarbeit sei „prekär“ (Sueddeutsche.de), „pikant“ (Bild Online), „gewagt“ (HORIZONT.NET)  und haha, „äußerst haarig“ (DERWESTEN).

Das ist wahrscheinlich genau die Welle, die Du Dir erwartet hast. Jetzt sollen sich alle fragen: Darf der Ulrich das? Immerhin ist er ja nicht wegen Doping verurteilt worden, die Ermittlungen wurden gegen Zahlung einer sechsstelligen Summe eingestellt. Aber auch wenn morgen dieser Sportgerichtshof in Lausanne ebenfalls entscheidet, fünfe gerade sein zu lassen – es bleibt doch etwas hängen. Ist die Werbung also O.K. oder nicht? Das ist schöner PR-Stoff.

Ich halte mich aber aus derartigen Diskussionen mittlerweile raus, sorry, Alpecin – obwohl sicherlich viele auf ein klärendes Wort von meiner Seite warten. Nicht weil mir Jan Ulrich und der ganze beknackte Profiradsport schon immer schnurz waren. Nein, ich kann einfach nicht mehr. Die Wulffs, Guttenbergs und Koch-Mehrins haben mich ausgelaugt. Ich muss mit meiner Provozierbarkeit und meiner ethischen Bewertungsenergie haushalten, weil ich sie für wichtigere Themen brauche. Und da bin ich nicht der einzige.

Davon profitieren die Hallodris unter den Politikern und Promis, weil die Leine länger wird. Aber ein Problem haben Werber und andere Kreative: Neben der Aufmerksamkeit ist für sie auch Provozierbarkeit eine wichtige Währung. Aber um einen “Aufreger” zu schaffen, braucht man leider immer auch Leute, die sich aufregen. Und die werden knapp.

(Ganz schlimm sind ja Kunst und Theater dran: Alle sehnen sich nach den „wilden Zeiten“ zurück, als sie noch gegen eine konservative, herrschende Kultur anprovozieren konnten – da hat’s richtig gekracht. Heute ist da keiner mehr, der noch schön „pfui“ ruft, wenn auf der Bühne alle nackt sind. Ganz umsonst frieren sie da vor sich hin, müde abgenickt von einem superaufgeklärten Publikum, das den Teufel tun würde, sich als Punching-Ball für Provokationen zur Verfügung zu stellen. Neue Geschäftsidee: Professionelle „Provozierbare“, die dafür bezahlt werden, sich aufzuregen und damit Skandale zu ermöglichen – die Claqueure der Gegenwart.)

Übrigens: Bitte nicht mehr anrufen, liebe Leser, ich weiß sehr wohl, dass sich Jan Ulrich eigentlich mit Doppel-L schreibt. Aber ich will die ganzen Leute, die den richtigen Namen bei Google eingeben, nicht auf dem Blog haben. Da käme nämlich einiges an Dumpf-Traffic zusammen, weil JANKES BUNTE WELT auf der Ergebnisliste immer total weit oben steht. Ich fahre hier eher ein elitäres Konzept.

Das dazu, Alpecin. Habe ich jetzt eigentlich genau das getan, was Du wolltest, indem ich das hier schreibe?

Facebook-Chronik: Lebe die Verwertbarkeit!

7 Feb

Ab und zu im Leben sollte man innehalten und Standortbestimmung machen: Was war gut? Was war schlecht? Wo will ich hin? Ein schöner Anlass ist die Einführung der Facebook-Chronik, die in diesen Tagen auf die meisten von uns zukommt. Das ganze relevante Leben – also faktisch ab Facebook-Eintritt – wird dann als „Timeline“ abgebildet.

Diese Timeline wird bei mir unbarmherzig sein. Das vergangene Jahr: eine Handvoll Leute zu Freunden gemacht, die ich sowieso schon kannte, mehrmals aus Orientierungslosigkeit das Profilbild geändert, ein paar unkreative Glückwünsche auf die Pinnwände von Geburtstagskindern geschrieben („lass es krachen“), Websites geliket, die schon Tausende vor mir geliket haben,  und ein einziges Youtube-Video hochgeladen, das genau einem anderen Nutzer „gefiel“. Das war mein 2011, ein vertanes Jahr, wie man sieht. Kann ich das wirklich präsentieren? Wo doch bestimmt alle hochkarätigen Entscheidungsträger und Dickbudget-an-Freelancer-Vergeber jeden Tag mein Profil durchkämmen?

Nee nee, kann ich nicht. Da müssen mehr spektakuläre Fotos rein, von spannenden Urlaubsreisen, tollen, also attraktiven Freunden, trendigere Likes. Natürlich finde ich Madness und Paul Weller besser als Lana Del Rey, trotzdem quatsche ich hier im Blog lieber andauernd über Lana, weil das einfach mehr „upfront“ aussieht. Und nach dem Prinzip muss auch die Timeline aufgepeppt werden. Meine Güte, wenn ich das sehe, wie sich die anderen alle darstellen, die ödesten Typen, kommen da alle wie „happy party people“ rüber, immer aktiv, immer was los, irre.

Gut, dass Facebook da jetzt zur Disziplin zwingt. Denn nicht mitmachen, das geht nicht. Be there or be square. Natürlich durchschauen letztlich alle, was für gefakete Lebensläufe sie da finden, na und? Das ist wie bei der Werbung: Man weiß, es ist Werbung, trotzdem wirkt’s.

Ach komm, was soll’s, ich verrate den Trick, wie jede Timeline fluppt: AUF VERWERTBARKEIT HIN LEBEN! Nur Sachen erleben, die man gut posten kann, nur Kurzreisen unternehmen, dafür aber viele, um möglichst viele Fotos aus unterschiedlichen Ländern zeigen zu können, mit Prominenten fotografieren lassen, immer weiter Freunde „generieren“ (aber Vorsicht: Wertigkeit muss im Lauf der Zeit steigen!), Film gucken > posten, Youtube-Video sehen > posten, Finger weg von Büchern, da ist der Verwertungswert relativ zu gering.

„Carpe diem“ – das wussten schon Horaz und Robin Williams im „Club der toten Dichter“. Das heißt: Lebe jeden Tag so, dass Du die Ausbeute daraus guten Gewissens an alle A-Blogger, Dickbudget-an-Freelancer-Vergeber und überhaupt wichtigen Menschen der Welt posten könntest.

Ändere Dein Leben. Es ist nie zu spät.

„Tatort“ gucken – lässig oder peinlich?

6 Feb

Eigentlich will ich nicht so viel Fernsehen gucken, aber am Sonntagabend bleibe ich fast immer bis zum Ende von „Titel, Thesen, Temperamente“ hängen. „Tagesschau“ und „Tatort“ sind Pflicht, dann rutscht man bei Jauch rein, eigentlich nur schauen, wer da ist, aber schon ist man mittendrin. Geschickt baut Jauch die Brücke zu den „Tagesthemen“: „Susanne Holst, was gibt’s bei Euch heute?“ Ja, das will ich auch wissen. Im Anschluss muss man natürlich noch sehen, was Wetterfee Claudia Kleinert anhat. Tja, und danach gibt man sich noch Dieter Moors „ttt“ – auf eine weitere halbe Stunde kommt’s auch nicht mehr an.

Dann ist der Abend rum, und dieses typische TV-Völlegefühl stellt sich ein. „Jetzt haben wir aber viereckige Augen“, hat meine Mutter früher immer gesagt, wenn wir so lange vor dem Fernseher gesessen hatten. Es war das Pendant zum Spruch über zu viel Essen: „Jetzt können wir aber nicht mehr piep sagen.“

Schuld am sonntäglichen TV-Marathon ist immer der „Tatort“, die so gut wie immer überzeugende (auch gestern wieder) Konstante in der Fernsehwelt, das „Lagerfeuer“. Dazu kann man stehen, finde ich. Früher war es einem ja immer etwas peinlich, unverbrüchliche „Tatort“-Treue zuzugeben – wahlloser TV-Konsum wurde unterstellt, „Couch Potato“-Verdacht drohte. Man belog sich schon selbst, um Argumente für den „Tatort“ zu finden – zum Beispiel die selbstlose Forderung, vor den Verbrechen dieser Welt nicht die Augen verschließen zu dürfen. Heute, in einer Lifestyle-politisch weitgehend liberalisierten Gesellschaft, ist es aber definitiv nicht peinlich, „Tatort“ zu gucken. Lässig vielleicht auch nicht gerade, aber okay. Ist also hiermit freigegeben.

(Ganz anderes verhält es sich übrigens mit dem TV-Konsum am Samstagabend. Da kann es durchaus durchaus zu Stirnrunzeln führen, wenn man eine ganze „Schlag den Raab“-Ausgabe nacherzählen kann: „Am Samstagabend? Wie trostlos muss Dein Leben sein?“ (zu Recht!) Jüngere Leute können sich das übrigens eher erlauben, die treffen sich mit der Clique zum Vorglühen vor der Glotze und machen danach noch Party. Ich bin aber jetzt 47, und man nimmt mir nicht mehr ab, dass ich samstags „sowieso vor 12 nicht weggehe“ oder „viel lieber donnerstags feiere, weil die Clubs am Wochenende ja voll von den ganzen Provinz-Prolls“ sind. Nee nee, das nimmt man mir nicht mehr ab.)  

(Bild: rbb/ORF/Petro Domenigg)

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