Gehe ich heute Mittag ins Fitness-Studio oder nicht? Laut Trainingsplan bin ich schon einen Tag überfällig. Andererseits: Man soll den Muskeln auch zwischendurch ausreichend Zeit zum Aufbau geben. Relax, don’t do it! Und nicht mit Muskelkater hingehen! Habe ich aber auch nicht, leider. Also heute Mittag, oder spätestens morgen Mittag, je nachdem. Je nach was? Weiß nicht, die innere Uhr, man soll ja nicht gegen den inneren Rhythmus verstoßen. Vielleicht mache ich auch einfach zu Hause ein paar Übungen. Könnte man sowieso mehr oder weniger auch alles zu Hause machen, macht man dann aber nicht, ich weiß.
Also heute Mittag, dann ist es auch schön leer. Manchmal sind da nämlich ganz schön peinliche Leute am Start, wie letztens: Da hat einer an der Lat Machine 30 Kilo gezogen, habe ich genau gesehen, sechs Briketts. Als ich dann nach ihm an die Machine kam, hatte er das Gewicht noch schnell auf 50 Kilo gesteckt, nur damit ich denke: „Oh, na das ist ja mal ein Bulle.“ Als wenn ich nicht logischerweise schon vorher rübergesehen hätte! Armselige Triumphe.
Es gibt aber auch ganz bescheidene, unauffällige Leute. Lesen da auf dem Fahrrad ihre „Welt kompakt“, ganz genügsam, als wenn es das Selbstverständlichste der Welt wäre, Stunden über Stunden in dieser freudlosen Parallelwelt zu verbringen. Oder neulich eine, die lehnte ganz unprätentiös im Handstand an der Wand, wohlgemerkt: auf einer Hand! Da habe ich dann drauf verzichtet, vor ihren Augen noch meine Rückengymnastik mit dem Ball zu machen.
Regnet’s eigentlich draußen? Leider nicht, spricht nix gegen heute Mittag. Kann ich also schön mit dem Fahrrad hinfahren, ist man schon mal warm, wenn man da ist. Und dann ab in die Umkleidekabine, rein in den muffigen Geruch, rein in die übertrieben lauten Gespräche: „Mountainbike repariert“, „Zerrung, geht aber bald wieder“, „Wart Ihr noch lange da?“ Unnötig langsam stolzieren die braungebrannten 80-Kilo-Zieher aus der Dusche, nur das weiße Handtuch um, oder am besten gar nichts. Ich bin nie ein Freund dieser ganz spezifischen Umkleidekabinen-Atmosphäre gewesen, schon in der Schule nicht. Lieber ganz dezent in der Ecke blitzschnell umziehen, und dann nichts wie raus, raus, raus.
Wenn ich heute nicht gehe, muss ich bald alle Gewichte wieder reduzieren. Dann kann ich gleich ganz aufhören, und der Jahresbeitrag ist futsch. Darauf basiert ja deren Geschäftsmodell, auf den ganzen Karteileichen, sonst wäre es unerträglich voll. Durchschaue ich doch alles.
Also hingehen. Wahnsinn, welchem gesellschaftlichen Druck man sich immer wieder beugt, um den Anforderungen an attraktive Körper zu entsprechen. Nur, dass das klar ist: Ich entspreche da voll und ganz, aber es ist harte Arbeit, und total fremdbestimmt, entspricht eigentlich gar nicht meiner “mach dein Ding”-Agenda.
Vielleicht gehe ich hin. Aber nur vielleicht.
(Foto: Kieser Training AG/Michael Ingenweyen)





