Schluss mit der Tipp-Pest!

Ich habe jetzt hier lange geschwiegen, aber das hier muss mal gesagt werden (dürfen): Die Frage  „Und? Was tippste Donnerstag?“ will ich nicht mehr hören, okay? Genau aus drei Gründen. Erstens: Diese herleitungslose Fragestellung ist in höchstem Maße respektlos, weil sie kackfrech so eine unausgesprochene Selbstverständlichkeit voraussetzt, dass ich natürlich weiß, was da läuft am Donnerstag, dass mich das interessiert, dass ich da eine Meinung dazu habe, die ich dem über die EM plötzlich kumpanenhaft mit mir verbundenen Gesprächspartner natürlich sofort darlegen will. Richtig wäre die folgende Fragestellung: „Zurzeit läuft ja die Fußball-Europameisterschaft, ein turnusmäßig ausgetragenes Messen der europäischen Fußballnationen, bei dem Deutschland nun auf Italien trifft. Dein Interesse vorausgesetzt, hast Du eine Einschätzung, wie das Spiel enden könnte? Magst Du sie verraten?“

Zweitens: Tipp-Gespräche, in denen es dann heißt, man habe „ein mulmiges Gefühl“ oder „sehe das noch nicht mit dem Endspiel“, weil Italien, das sei noch nie leicht gewesen, seit 62 kein Sieg, warum jetzt, diese Gespräche sind so unendlich langweilig, austauschbar, unindividuell und folgenlos. Es sei denn, man reichert sie humoristisch an – wie etwa Mario Basler, bekanntlich Werbefigur im Netto-Blog: „Das Halbfinale zwischen Deutschland und Italien steht auf dem Plan – und ich bin schon so heiß drauf wie meine Wurst auf dem Grill!“, sagt er da, und schlägt so eine schöne Brücke zur Netto-Warenwelt, die er noch gekonnt ausschmückt: „Ich könnte platzen vor Vorfreude.“ Sein Tipp: „3:1 für Deutschland! Diesmal gucken wir nicht in die Pizza-Röhre!“ Muss man aber können, so was. Die Kommentatoren „Winnetau“ und „EManuela“ tippen dort übrigens auf 2:0 bzw. 4:2 für Deutschland, nur zur Kenntnis.

Drittens: Mit Tipp-Fragen überbrückt man in der Regel unangenehme Gesprächspausen  mit Menschen, mit denen es streng genommen fast nix zu reden gibt. Beim Friseur, da ist man froh, wenn einem nach „wie immer, im Ganzen kürzer“ überhaupt noch was einfällt, da ist Fußball okay, überwindet als universal verbindendes Thema soziale Schranken (aber klar, nächste Woche steht man dann wieder doof da, man kann schließlich nicht fragen: „Und? Wo steht die Klöckner-Aktie morgen?“). Wer aber Bekannte, Freunde oder Ehepartner mit einer Tipp-Frage behelligt, muss sich fragen lassen, jaja!, er muss sich fragen lassen, ob er den so Angesprochenen wirklich auf einer Stufe mit dem Friseur verortet, eine ganz und gar unangenehme Frage.

2:1 übrigens, für Deutschland.

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