Der Sommer der Sobald-es-geht-Sonnenbrillen-Träger

Gerade jetzt, wo die Sonne dauerhaft nicht scheint, fallen sie besonders auf, diese Leute, die sofort eine Sonnenbrille aufsetzen, wenn es auch nur die kleinste Berechtigung dazu gibt – etwa die vage Ankündigung im Wetterbericht, die Sonne könne hier und da kurz hervorkommen oder die Tatsache, dass es vor fünf Stunden „recht hell“ aussah. Stellt man die Sobald-es-geht-Sonnenbrillen-Träger über die Gründe der freiwilligen Sehbeeinträchtigung zur Rede, lügen sie einem kackfrech ins Gesicht: „Ich habe ja SOOO empfindliche Augen“, heißt es dann von stämmigen Kerlen, die Ähnliches niemals freiwillig über ihre Leber zugeben würden.

Bei vielen habe ich ja Verständnis. Sie sind über 40 oder sogar 50 und wollen der Welt diese müden, verschlissenen Augen nicht mehr zumuten, die in ihrem Leben so viel Scheiße gesehen haben. Da ist es doch schön, einfach mal „dichtzumachen“, wenigstens einen kleinen Teil des verbrauchten Körpers zu verbergen, der gerade im Sommer ansonsten überproportional stark der öffentlichen Sicht und damit Kritik ausgesetzt ist. Plausibel ist auch, dass Leute mit Auffälligkeiten gern zur Sonnenbrille greifen – ein einziges Mal ausgehen, ohne wieder auf die „doch bestimmt hohe Dioptrienzahl“ ihrer regulären Glasbaustein-Brille oder den leidigen Silberblick angesprochen zu werden!

Was ich aber nicht ab kann, sind die ganzen Leute, die sich einen Coolness-Vorteil davon versprechen, wenn sie bei jedem Wind und Wetter eine Ray-Ban spazieren tragen. „Sunglasses After Dark, They’re So Sharp, You’ll Be Cool!“ sang 1961 Dwight Pullen auf einer Single für das Carlton-Label – nur wenige erinnern sich noch daran. Aber Mann, das war 1961, da stand derartiges Verhalten noch fast unter Strafe, „Gammler“ waren das. Heute ist keiner mehr cool, nur weil er nichts sehen kann.

Klar: Wer Sonnenbrille trägt, glaubt zu vermitteln, ein lässiger, spontaner Typ zu ein, nach dem Motto: „Wo ich bin, da regieren Sonne, Spaß und Sinnlichkeit!“ – obwohl er gerade noch am Schreibtisch über der Zielgruppenbestimmung einer Direktmarketingkampagne für die örtliche Sparkasse gesessen hat, sich aber jetzt seine wie immer frisch gewaschene, unterschenkelfreie Cargo-Hose angezogen hat und sich der Easy-easy-locker-locker-urban-fun-Fraktion zuordnet. Wenn es dann gar nicht mehr geht, wird die Sonnenbrille zumindest nach oben ins Haar geschoben, nur nicht weglegen, nur nicht das wichtige Accessoire aus der Hand geben, das Licht, Ferne, eine ganz kleine Flucht aus dem Alltag verspricht und partnertechnisch so sehr aufwertet. Ich kann das verstehen, aber nicht ab, wie gesagt.

Wichtig ist, bei all dem nicht zu verbittern.

(Foto: Mister Spex)

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Ein Gedanke zu “Der Sommer der Sobald-es-geht-Sonnenbrillen-Träger

  1. rp 15. Juli 2012 / 16:16

    Ein großes Stück, ein notwendiger Text.

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