Gestützt gegen Neuro-Folter

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Ich strolche ja gern in der Mittagspause ein bisschen durchs Frankfurter Westend, um zu sehen, was in meinem Kiez so abgeht. Dann lasse ich mich treiben, scanne die Welt, lerne neue Dinge kennen. Als Flaneur, so wie der Schriftsteller Wilhelm Genazino, den ich schon mal im Rewe gesehen habe. In Wirklichkeit war nämlich gar nicht das „Gymmi“, wie wir damals das Gymnasium nannten, mein Lehrmeister. Auch nicht später der teure Elitestudiengang an der EBS in Oestrich-Winkel. Mein Lehrer, das war die Straße. Kein Scheiß. Ich bin streetwise, wie man drüben im Big Apple sagt.

Gestern lief ich also wieder so rum. Da fiel mir ein interessanter Werbespruch auf einem Lastwagen auf, den offenbar ein Dachdecker-Unternehmen geparkt hatte: „Ihr Dach ist unser Leben!“ Gar nicht schlecht, dachte ich, und machte mal sicherheitshalber ein paar Fotos davon. Da hörte ich plötzlich einen schrillen Pfiff: „Ey, weg von dem Wagen!“ Oben auf dem Dach eines Hauses standen zwei Dachdecker, denen das offenbar spanisch vorkam, dass ich da fotografierte. Einer war wild am Gestikulieren.

Ich so: „Schön locker durch die Hose atmen, Meister, sonst fliegst Du noch vom Dach!“

Nee, habe ich gar nicht gesagt, just kiddin‘ ;-). Hab die Kamera weggepackt und bin schnell weitergegangen. War ja verständlich, dass die pissed waren: Dachten bestimmt, dass der Wagen kurze Zeit später geklaut würde, nachdem ich das Foto direkt an info@russenmafia.de weitergeschickt hätte. Und sie müssten dann mit ihren ganzen Piselotten zu Fuß nach Hause.

Wie ich so weiterging, dachte ich noch über den Werbespruch nach, der die Distanz von Lebenswelten so total auf den Punkt bringt. Denn für mich als Nicht-Dachdecker ist ein Dach nur ein popeliges Dach, aber es ist DER IHR LEBEN! Hand aufs Herz: Was interessieren einen Dächer? Man geht so an den Häusern vorbei, guckt mal hoch und sagt sich: Okay, überall Dächer drauf, das ist gut. Nur wenn am eigenen Dach was ist, dann ist Holland in Not. Die meisten meiner Bekannten denken bei „Dach“ noch nicht mal an „Dach“, sondern an die D-A-CH-Region!

Andererseits: Die mit dem Werbespruch haben wenigstens etwas, woran sie sich festhalten können (und ich meine jetzt nicht Schornstein, Dachrinne oder so). Ich meine SINN, IDENTITÄT. Dem einen oder anderen Leser dieses Blogs wird der Name GIOVANNI DI LORENZO etwas sagen, Chefredakteur der Zeitung „Die Zeit“. Der hat ein Buch geschrieben, ganz einfacher Titel: „Wofür stehst Du?“, zack, Bestseller. Weil die meisten das gar nicht klar beantworten können und da Support brauchen. Was ist denn mein Leben, was wäre mein Werbespruch als Journalist? „Eure Texte, akkurat recherchiert, auf Zeile und pünktlich abgeliefert – das ist mein Leben!“

Tja, da fühlt man die Komplexität der eigenen Persönlichkeit zu Unrecht verengt. Aber so funktioniert eben Selbstvermarktung, als – teilweise unzulässige, aber wirksame – Vereinfachung. Die Welt ist natürlich nicht so simpel. Auch die Dachdecker sind nicht so ausrechenbar, dass sie zwangsläufig „Up On The Roof“ als Lieblingslied haben, den unsterblichen Uptown-Soul-Klassiker der Drifters (Atlantic 1962, hier der  Youtube-Link).

CIMG0302Und wie ich das so denke und dabei weitergehe, komme ich an so einem trendy Coffeeshop vorbei. Da steht draußen tatsächlich dran: „Wir sind Kaffee.“ Und dann was zur Firmenphilosophie. Komischer Zufall, das korrelierte ja voll mit meinen Gedankengängen. „Wir sind Kaffee.“ Starkes Statement. So vermittelt das volle Involvement. Kein liebloses „Wir verkaufen Kaffee“ oder „Wir kennen uns aus mit Kaffee“, noch nicht mal „Wir leben Kaffee“, nix, wir sind es. Wie wäre es also für mich mit „Ich bin TEXT“? „Ich bin GUTSEIN“? „Ich bin KREATIVITÄT und NACHHALTIGKEIT?“ Oder, jetzt kommt’s: „Ich bin LEBEN?“ Wahnsinn, da stürzt man direkt nach dem Mittagessen, nach „Erbseneintopf mit Wursteinlage 5,50 Euro nee nix zum Trinken gleich zu Hause billiger“, in die krasse Identitätsgrüblerei.

Was aber, fragte ich mich dann, wenn Identität nicht nur mit „für etwas sein“ zu tun hat, sondern auch mit „dagegen“? Und dann sah ich schon wieder einen Satz, der zu mir sprechen wollte. Auf einem Stromkasten stand draufgepinselt: „Neuro-Folter weg!“. Wow! Das sprach mich direkt an, weil ich eigentlich auch gegen Neuro-Folter bin. Zumindest, wenn man mir die Neuro-Folter als eines der möglichen Phänomene nennt, gegen die man sein kann, „gestützt“ also, wie man in der Marktforschung sagt. Ungestützt wären mir eher andere Sachen eingefallen, EU-Zypern-Unterstützung, GEMA, Ungerechtigkeit und so.

Obwohl ich, ehrlich gesagt, gar nicht so ganz genau erklären kann, was Neuro-Folter ist. Aber ich stelle mir darunter Leute vor, die Elektroden am Kopf und am Körper haben und sich immer wieder schmerzhaft aufbäumen – und das alles nur, weil sie gegen die Schließung des links-suspekten „Instituts für vergleichende Irrelevanz“ am Kettenhofweg protestiert haben. Mit Leuten so umzuspringen, das ist für mich ein absolutes „No-Go“, und da haben wir auch eine historische Verantwortung. Also weg mit der Neuro-Folter, nicht mit mir, sorry.

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In dem angenehmen Gefühl, durch diese klare Positionsbestimmung an Konturschärfe und Profil gewonnen zu haben, ging ich wieder nach Hause und setzte meine Arbeit fort. Gar nicht schlecht, wenn man ab und zu mal wieder hineingehalten wird ins Nichts. Und zwar total ungestützt.

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