Yoko Ono: Stumpf ist Trumpf, Fluxus ist Luxus!

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John und Yoko O(h)n(o)e: Die Phantasie muss hier mal reichen

„Und? Warst Du schon in der Yoko-Ono-Ausstellung?“ Mit der Frage nerve ich zurzeit meine Peers. Die Betonung liegt dabei auf SCHON, so als ob es nur eine Frage des Zeitpunkts wäre, dass man da reingeht. „Nö, hab ich noch nicht geschafft“, heißt es dann verlogen, aber dreimal im neuen Primark einkaufen, alle Ryanair-Südfrankreich-Bilder auf Facebook und „Stirb langsam 5“, das hat man natürlich „geschafft“ – komm, erzähl mir nichts vom Pferd.

Ich war selbst auch noch nicht in der Yoko-Ono-Ausstellung, weil ich mich noch vorbereiten will. Ein bisschen habe ich mir schon angelesen, deshalb kann ich jetzt schon so Sätze sagen wie: „Für mich ist Yoko Ono eine der besten Fluxus-Künstlerinnen überhaupt, da beißt die Maus keinen Faden ab.“ Dann sind alle ganz ratlos, keiner wagt mir zu widersprechen, und ich sehe, wie es oben ratterratter macht: „Weiß er da wirklich so viel (kann ja gut sein!) oder blufft er? Und was ist das eigentlich nochmal, dieses Fluxus?“

So ist er eben, der möchtegern-moderne Großstädter: Hat von Tuten und Blasen keine Ahnung, geht aber irgendwann doch widerwillig und stumpf rein in diese Ausstellungen, weil’s gerade „talk of the town“ ist, hier im Blog stand oder weil es irgendwo einen „2 for 1“-Gutschein gab. Die meisten Besucher tummeln sich dann immer da, wo es dunkel ist und ein Video läuft, man kann sich hinsetzen, hofft auf ein bisschen Unterhaltung oder wenigstens Nachvollziehbarkeit, aber dann kommt doch wieder nur eine Endlosschleife verstörender Bilder ohne erkennbaren Sinn, „ganz interessant, aber von mir aus können wir jetzt gehen, ich muss auch mal für kleine Königstiger“.

Ich bin da anders, offener, komplexer. Ich bin mir stets im Klaren darüber, dass ich in einem Käfig eingefahrener Wahrnehmungen lebe, der aufgebrochen werden muss. Es geht mir tierisch auf den Keks, mit diesem Tunnelblick durch die Gegend zu laufen, ästhetisch abgestumpft, nur noch durch Maximalreize wie „Django Unchained“ erreichbar, geknechtet von der strukturellen Gewalt kapitalistisch-konsumistischer Zwangsbilder, die mich bis tief in den Schlaf verfolgen. Ich weiß wenigstens, dass ich drin stecke und moderne Kunst als Ausweg brauche. Man denke an das Bild von Magritte, wo eine Pfeife drauf ist und wo drunter steht, das sei aber keine Pfeife. Da sagen die meisten: „Hä? Wie jetzt? Was soll’n das sonst sein?“ Ich aber weiß: Natürlich ist das keine Pfeife, sondern die Abbildung einer Pfeife. Capito?

Aber noch was anderes: Dem einen oder anderen wird bekannt sein, dass Yoko Ono früher mit John Lennon, naja, liiert war. Deshalb lege ich mir gerade „Unfinished Music No. 1: Two Virgins“ auf, die erste Platte, die Yoko mit dem „Pilzkopf“ gemacht hat (ich sag ja immer Pilskopf!, denn John mochte ja wohl ganz gerne einen). 1968 war das, zwei Jahre vor dem Ende der „Fab Four“. Die beiden sind auf der Hülle tatsächlich nackt abgebildet, scheinbar sind sie damals zwischen den ganzen „Love-“ und „Bed-ins“ gar nicht mehr in die Klamotten gekommen. Auf der Platte sind eigentlich nur Geräusche, Gepfeife und Geschrei zu hören. Richtig schön Avantgarde, „edgy“, nicht wie dieser kommerzielle, naheliegende Beatles-Scheiß.

(„Two Virgins“ zeigt übrigens einmal mehr die Problematik meines Schallplatten-Ordnungssystems: Jeder Künstler steht mit seinem gesamten Werk unter der Musikrichtung, mit der er begonnen hat, das reduziert die Komplexität. Beach-Boys-Mastermind Brian Wilson läuft also gnadenlos auch heute noch unter „Surf“, Brian Eno unter „Glam“, Wilco unter „Country Rock“. John Lennons Platten stehen da, wo auch die Beatles stehen, weil er da ja Mitglied war. Aber die daraus folgende Zuordnung wirkt bei „Two Virgins“ dann doch bizarr: Ist das wirklich, auch nur im weitesten Sinne, „British Beat“?)

Übrigens: Dass Yoko Ono die Beatles auseinandergebracht hat, stimmt gar nicht. Das glauben heute nur noch intellektfeindliche Superstumpf-Nostalgiker, deren „Lieblingslieder von den Beatles“ nach wie vor „Yellow Submarine“ und „Ob-La-Di Ob-La-Da“ sind. In Wirklichkeit hat Yoko alles dran gesetzt, die Band zusammenzuhalten.

Ihr schwebte dabei so ein Zwei-Frauen-Zwei-Männer-Ding vor, mit ihr, John, Paul und Linda McCartney. Vorbild war die britische Formation Brotherhood Of Man, die ebenfalls auf das Rezept mit der unterschwelligen Pärchen-Erotik setzte. Aber Paul und Linda bockten, und der Rest ist Geschichte: Während die Beatles in Vergessenheit gerieten, siegten Brotherhood Of Man mit dem ausgezeichneten Titel „Save Your Kisses For Me“ 1976 beim Eurovision Song Contest (hier der Youtube-Link) – ein Erfolg, der den Beatles zeit ihres Bestehens nicht vergönnt war. So geht’s im Leben: Am Ende hat der die Nase vorn, der den längeren Atem hat. Abba hatten übrigens ein ähnliches Konzept.

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Wer zuletzt lacht, lacht am besten: Brotherhood Of Man in den 90ern

Übrigens war es am Eröffnungstag der Yoko-Ono-Ausstellung so voll, dass laut „FR“ sogar Tobias Rehberger in der Schlange vor der Schirn warten musste, Frankfurts berühmtester zeitgenössischer Künstler. Der ist mindestens genauso gut wie Yoko Ono und scheffelt auch Millionen. Da sieht man mal wieder: Alles Geld der Welt kann nicht kaufen, dass man an den anderen vorbei in die Schirn kann. Ist so.

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Album-Rückseite: Hinten kann man ja ruhig zeigen
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2 Gedanken zu “Yoko Ono: Stumpf ist Trumpf, Fluxus ist Luxus!

  1. Cornelius Götze 7. März 2013 / 23:24

    Sen-sa-tio-nell! Und am Wochenende gehe ich zu Yoko Ono.

    • klausjanke 10. März 2013 / 13:07

      Danke! Ich bin jetzt auch so weit!

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