Contenance, meine Damen und Herren!

File London Underground Sign Night.jpg   Wikimedia Commons
U-Bahn-Haltestelle in England: Contenance ist auf der ganzen Welt gefragt

Manchmal sitze ich mit einem Freund stundenlang unten in einer U-Bahn-Station. Wir sehen die Züge ein- und weiterfahren. Dann träumen wir davon, wie es wäre, einfach einzusteigen und alles hinter uns zu lassen. U-Bahnen erzeugen immer so ein Fernweh: Seckbach, Enkheim, Nordweststadt – schon in einer Viertelstunde könnte man in einem ganz anderen Frankfurter Stadtteil sein und dort neu anfangen. Spinnereien, klar.

Neulich saßen wir da wieder so an der Haltestelle „Festhalle/Messe“, da kam wie von der Tarantel gestochen ein junger Mann die Rolltreppe heruntergelaufen. Er stieß Nebeneinander-Steher weg, um schneller voranzukommen. Unten spurtete er die letzten Meter, um noch eine U-Bahn zu erreichen, deren Türen sich aber jetzt schon geschlossen hatten. Verzweifelt presste er den Daumen auf den grünen „Öffnen“-Button, aber zu spät. Wie in Rage trommelte er jetzt gegen die Tür und schrie etwas Unverständliches. Jetzt fuhr die Bahn an. Der Mann lief noch einige Meter mit und hämmerte wütend gegen die Scheiben, innen zuckten die Köpfe der Fahrgäste erschrocken zurück. Nach vorn, wo er den rücksichtslosen, kleingeistig seinen Zeitplan verfolgenden U-Bahn-Fahrer vermutete, stieß er noch den Stinkefinger, dann war die Bahn weg. Der Mann sank auf die Knie und schlug mit beiden Handflächen immer wieder auf den Boden.

Wir gingen auf ihn zu, um ihn zu beruhigen. „Hey, das war doch nur eine U-Bahn“, sagte mein Freund. „Das war nicht die letzte Ju 52, die noch Leute aus Stalingrad herausfliegt.“ Er ist immer für einen unpassenden Vergleich gut. „Was mein Freund sagen will“, erklärte ich in möglichst ruhigem Ton, „ist einfach Folgendes: In drei Minuten kommt doch schon die nächste U4.“ Ich wies auf die Anzeigetafel. „Trotzdem Sauerei“, schimpfte der Mann, immer noch kurzatmig und mit hochrotem Kopf. „Der hat mich doch gesehen. Und es hätte auch mal einer von innen aufhalten können!“

Damit hatte er allerdings Recht. Ich hatte von meiner Bank alles genau beobachtet: Die innen dicht gedrängt stehenden Fahrgäste hatten zweifellos gesehen, wie der Mann angerannt kam. Aber sie hatten nicht nur nicht eingegriffen, sie waren sogar trotz der Enge noch etwas von der Tür zurückgewichen, um auf keinen Fall deren elektronischen Schließmechanismus zu blockieren. Wir kennen das ja alle: Man steht eng an eng schon fünf Minuten an der Haltestelle, und immer noch kommen Leute hinzu, so dass die Bahn nicht weiterfährt. Man denkt nur „Fahr! Fahr! Fahr!“ und ist schon geneigt, die heraneilenden Nachzügler auf den Bahnsteig zurückzustoßen.

Aber, und jetzt komme ich endlich zum Punkt, man tut es nicht. Weil man CONTENANCE bewahrt. Und genau das hatte unser gestresster Freund offenbar nicht verstanden: Man lässt sich in der Öffentlichkeit nicht dergestalt gehen, no way. Man reißt sich zusammen. Ich kann das super.

Zum Beispiel vor einer Woche: Da plapperte einer im Fitness-Studio pausenlos in sein Smartphone rein. Jeden Satz beendete er mit „weißtwasischmein?“. Ich habe mich gezwungen, ihm nicht folgende Zurechtweisung zu erteilen: „Jetzt hör mal gut zu, Meister: Selbst ich, der ich gar nicht aufmerksam zuhöre, weiß genau, was du mit deinen extrem unterkomplexen Mitteilungen hier meinst. Umso unsinniger ist es, deinen Gesprächspartner immer wieder zu fragen, ob er dies ebenfalls tut.“

Weil wir ebendies unterdrücken, sind wir zivilisierte Menschen. Contenance fange aber noch viel früher an, glaubt mein snobistischer Freund. Es sei beispielsweise mit Stil und Selbstbeherrschung nicht vereinbar, den Schritt überhaupt zu beschleunigen, um eine Bahn noch zu erreichen. Nein, auch wenn es sich um die letzte S-Bahn handelt, mit der ich es noch schaffe, eine für 25.000 Euro ohne Reiserücktrittversicherung gebuchte Kreuzfahrt anzutreten, habe ich gemessenen Schrittes weiterzugehen und ungerührt das Verpassen der Bahn zu registrieren.

Meine Einschätzung ist da etwas differenzierter. Zwischen Rennen für eine Bahn, wenn drei Minuten später die nächste kommt, und einem Totalverlust von 25.000 Euro liegt ein weites Feld, auf dem jeder selbst die Schwelle markieren muss, an der die Selbstbeherrschung kippt. Wie lange muss meine Zugfahrt sein, bis ich anfange, in „Mobil“ zu blättern? Wie viel Geld muss mir herunterfallen, dass ich mich danach bücken würde?

Die Schwelle des Sich-Gehen-Lassens sukzessive nach oben zu verschieben, das ist die Essenz unseres ständigen Ringens um Contenance. Ich lade alle Leser ein, mal tief in sich hineinzuhorchen: Geht da nicht doch noch mehr?

P.S.:

File London Underground Sign Night.jpg   Wikimedia Commons
Ziemlich beliebig: Underground-Motiv von oben

Um das Thema Selbstbeherrschung anschaulich zu machen, habe ich bei diesem Text mal das „Zückerchen“ eines zweiten Bildes weggelassen und auch als Aufmacher-Bild ein ziemlich beliebiges, eigentlich idiotisches Motiv verwendet. Dennoch haben Sie diesen wirren Text ohne Murren bis zu dieser Stelle gelesen. Jetzt schaffen Sie schon fast ein Buch.

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