Trouble im Skyline Plaza

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Inspiration fürs Skyline Plaza: ein Soukh in Marrakesch

Mittags gehe ich oft zum Essen ins neue Einkaufszentrum Skyline Plaza hier bei mir um die Ecke. Das ist immer so ein kleines Highlight des Arbeitstages, wenn es wieder heißt: M4 im Thai-Restaurant Bao Anh Deluxe für nur 5,50 Euro! Mit scharfer roter Soße natürlich, besser kriegst Du M4 auf der ganzen Welt nicht. Die kennen mich da schon, muss gar nicht mehr groß sagen, was ich will. Da sitze ich dann so in dem stylishen, hellen und sauberen Restaurant, genieße und überlege dabei, was ich denn nachher noch Schönes bei Rewe City gegenüber einkaufe.

Die Händler sind ja unzufrieden, wie man liest, weil ein halbes Jahr nach dem Start im Skyline Plaza immer noch nicht viel los ist. Ihrer Ansicht nach muss mehr Werbung gemacht werden. Komisch, dass nicht viel mehr Leute hierher kommen. Ich kaufe nämlich sehr gern hier ein. Man hat ein sehr großes Angebot auf kleinstem Raum, es ist preisgünstig und vor allem: Es ist so HERRLICH LEER überall! Man ist das gar nicht gewohnt, durch so schöne Geschäfte zu streifen und sich die Verkäufer aussuchen zu können. Sogar bei Saturn kriegt man jemanden dazu, sich eine Frage anzuhören – in anderen Filialen sind die zuständigen „Experten“ ja ständig von Menschentrauben umringt.

Und ich bin nicht der einzige, der gerade das genießt. Die Tage hörte ich eine ältere Dame zu einem Verkäufer sagen: „Wissen Sie, warum ich so gern bei Ihnen kaufe? Weil es hier so schön ruhig ist, eine richtige Oase im hektischen Frankfurt!“ Der Verkäufer freute sich allerdings gar nicht richtig über das Kompliment, zog eine Fleppe wie sieben Tage Regenwetter. Tja, Servicewüste Deutschland – Lächeln bringt Kohle, aber das lernen die nie.

Große Auswahl auf kleinstem Raum – mit diesem Konzept erinnert mich Skyline Plaza an die wuseligen Soukhs in den marokkanischen Altstädten, wo man um alles Erdenkliche feilschen kann. Nur dass im Skyline Plaza viel größere Geschäfte sind, überwiegend mit Festpreisen, auch viel breitere Gänge, weniger Ausländer, viel weniger Gewusel und alles deutlich heller und sauberer. Die Soukhs des ordentlichen Deutschen eben.

Ich schlenderte so weiter an den Läden vorbei, da sprach mich eine Frau an: „Wissen Sie, wo Camp David ist?“ „Na klar“, antwortete ich, „das liegt in den USA, in Maryland. Da begannen bekanntlich 1978 die berühmten Friedensverhandlungen zwischen Israels Ministerpräsident Menachem Begin und Ägyptens Staatspräsident Anwar as-Sadat, auf Einladung von Jimmy Carter.“ „Scherzkeks“, antwortete sie. „Camp David ist das sportlich-lässige Menswear-Label für den aktiven, modebewussten Mann. Und die haben hier eine Filiale, in der ich für meinen Freund ein paar Shirts abholen will.“ Ich schaute mich vorsichtig um: Sportlich, lässig, modebewusst – wieso fragte die MICH? Aber klar, da war weit und breit niemand anderes zu sehen – wir waren so allein wie Will Smith und sein Hund in dem Endzeit-Thriller „I Am Legend“. „Ach, DAS Camp David“, stammelte ich leicht verlegen. „Weiß ich nicht. Da bestell ich nur online.“ Die Frau hätte höchstens eine Verkäuferin oder einen Verkäufer fragen können, aber da wäre sie überall hingekommen, nur nicht zu Camp David. So sind Soukh-Händler eben: „Camp David? Da macht mein Vetter aber viel bessere Menswear, ist nicht weit von hier…“

Im Skyline Plaza kaufen viele reiche Leute ein, die im angrenzenden Europaviertel wohnen und in internationalen Unternehmen arbeiten, darunter viele Expats, aus aller Herren Länder, entwurzelt, nihilistisch, aber immer gut drauf. An der Kasse im Rewe City regiert natürlich die Kreditkarte, weil die Expats nicht so schnell und gewandt mit den hiesigen Scheinen und Münzen hantieren können wie wir Eurozonen-Europäer – manchmal wissen sie im Moment nicht mal, in welchem Land sie sich gerade befinden vor lauter Herumjetterei. Und wenn doch mal einer seine Sushi-Box oder seinen abgepackten Salat mit Kleingeld bezahlen will, muss er die Münzen erst ganz genau inspizieren, um den aufgeprägten Wert zu entziffern. Oft schütten stinkreiche Expats den Kassiererinnen einfach das ganze Klimpergeld hin, nach dem Motto: „Behalten Sie’s, in den Sekunden, wo ich hier herumsuche, habe ich doch schon wieder 500 Euro verdient. Die Münzen beulen das Portemonnaie auch immer so doof aus.“

Im Rewe City ist es meist auch sehr leer. Aber neulich bildete sich vor der Kasse eine „Schlange“, das heißt, vor mir stand noch eine weitere Kundin, und ich musste warten. Das ist äußerst ungewöhnlich, und natürlich forderte eine hektische Stimme durch den Ladenlautsprecher sofort „Zweite Kasse! Zweite Kasse!“, worauf ein Verkäufer im Laufschritt ankam und diese eröffnete – Mannomann, in dessen Haut wollte ich nicht stecken, „sleeping on the job“, der sah doch, dass wir uns da zu zweit die Beine in den Bauch standen.

Ich will aber was anderes erzählen. Der Frau vor mir waren ein paar Cherry-Tomaten aus dem Einkaufskorb gekullert, die nun auf dem Boden vor der Kasse lagen. Ich wies sie freundlich darauf hin, aber sie wehrte ab: „Nein danke, lassen Sie nur, ich habe schon mehr als genug.“ Fast so ein bisschen gönnerhaft, als wollte sie sagen: Nehmen Sie nur, ein paar Cherry-Tomaten umsonst, da sagen Sie doch ganz bestimmt nicht nein! Und sie machte sich davon.

Dabei war mein Hinweis eher eine Aufforderung gewesen, die Tomaten aufzuheben. Ich hätte ihr klipp und klar sagen sollen: „Meine Liebe, schön aufheben, sonst sind die Matsche, falls hier heute nochmal einer langgeht und dann drauftritt.“ Aber klar, ich war baff und sagte gar nichts, man ist ja meistens nicht schlagfertig genug. Erst zu Hause fallen einem dann die Knaller-Sätze ein. Ich habe die Tomaten schließlich aufgehoben und beiseite gelegt. Mitgenommen habe ich sie natürlich nicht. Blöde Cherry-Tomaten, kann ich mir selber kaufen.

Die Frau von vorhin kam mir dann übrigens später mit einer Camp-David-Tragetasche entgegen. Ich machte ein Daumen-hoch-Zeichen und guckte einfach mal freundlich. Immer lächeln, und die Welt lächelt zurück!

Skyline Plaza  Frankfurt   Home
Ja, wir haben unseren Stil gefunden: die Camp-David-Kundin (rechts) und meine Wenigkeit
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