Abi 84 – und dann ganz nach oben

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Mariengymnasium Werl: Hier hat die „Abiturientia 84“ ihr Unwesen getrieben

„Hey, du hast ja 30 Jahre Abi dieses Jahr“, fiel kürzlich einer Bekannten siedend heiß ein. „Gratulation, das wird ja bestimmt fett gefeiert, oder?“ „Ach so, ja guck mal, ist das schon 30 Jahre her“, antwortete ich möglichst beiläufig. Man wird ja gar nicht mehr gern an sowas erinnert, wenn man auf die 50 („Hälfte des Lebens“) zugeht. Aber einige, speziell deutlich Jüngere, können so richtig dranbleiben mit der Nerverei. In aller Öffentlichkeit machen sie wiederholt auf nahende runde Geburtstage aufmerksam, zeigen mit dem Finger auf die verschämt den Blick senkenden End-30er-, -40er oder -50er und garnieren ihre schadenfreudige Bloßstellung mit dem zynischen Satz vom „Wein, der mit den Jahren immer besser“ werde. Selbst Jahrestage, die einem selbst gar nicht bewusst sind, finden sie und schlachten sie aus: „Hast du dieses Jahr nicht 35-jähriges Raucher-Jubiläum? DAFÜR siehst du wirklich noch gut aus. Nee, wirklich.“

Ob es eine Abi-84-Feier geben wird, weiß ich noch nicht. Wenn, dann wird sie – wie die gelungenen Vorgänger-Feiern zum 15-, 20- und 25-jährigen Jubiläum – von den ehemaligen Schulkameraden organisiert, die noch im westfälischen Werl und damit im Umfeld des Mariengymnasiums wohnen. Dort habe ich, das kann man sich aus dem bislang Gesagten zusammenreimen, 1984 Abi gemacht. Auf unser „Gymmie“, wie wir damals sagten, sind auch Vatikan-Experte Andreas Englisch (Abi 83) und sogar Alfred Dregger gegangen. Ansonsten haben wir in Werl auch eine sehr gute Justizvollzugsanstalt, da arbeitet Joe Bausch als Anstaltsarzt, der als Gerichtsmediziner in Fernsehkrimis bekannt wurde (mit Glatze so einer, kennt man, wenn man ihn sieht).

Eine Feier fände ich toll, und ich kann mir von den vorhergehenden Jubiläumsfeiern gut vorstellen, wie sie ablaufen wird. Wir treffen uns (dieses eine Mal noch) abends, es gibt ein tolles, teures  Buffet, wir haben’s ja jetzt, und nicht nur die damaligen Schüler, auch einige ehemalige Lehrer sind da. Dann kommt man da an und weiß erst nicht, zu wem man sich dazustellen soll. Die „interessanten“ Leute halten entweder die Kreise eng geschlossen oder kommen erst später (oder gar nicht). Die „Kletten“ und Langweiler dagegen, die man schon früher mied, lassen ihre Blicke kontakthungrig wandern, vergebens natürlich.

Also direkt an die Bar, zwei, drei Bier schnell runterschütten und schön angeschickert die Runde machen. Die Frauen, das fällt auf, haben sich alle bestens gehalten (der Rest ist gar nicht erst gekommen). Die Männer, tja, die Glatze glänzt, die Plauze wird selbstbewusst über den Gürtel drapiert. Das viele Geld, das sie als Folge ihrer exzellenten Schulbildung heute verdienen, enthebt sie der Zwänge des Jugendlichkeitswahns – sie sind auch so sexy, anyway. „Ja, da schau an“, ruft einer aus, der mich nach genauerem Hinsehen wiedererkennt (das tun längst nicht alle). „Klaus, alter Schwede, so sieht man sich wieder. Was machst’n so?“ „JOURNALIST UND TOP-BLOGGER!“, gebe ich triumphierend zurück, auch auf die Gefahr, ihn mit dieser Ansage sofort gemein in die Defensive zu drängen. Er so: „Echt jetzt? Super! Mir geht’s auch gut, ich bin verheiratet.“ Er hat wohl keinen guten Job und muss notgedrungen ein anderes Ass aus dem Ärmel ziehen. „Toll, ich aber auch“, schreie ich ihm ins Ohr, weil der „Logical Song“ von Supertramp jetzt sehr laut aus den Boxen dröhnt.  Er kramt ein Bild mit seiner Frau drauf aus dem Jackett und macht das Daumen-hoch-Zeichen. Ich mach’s auch, ihm zuliebe. Wer immer das ist.

Im Laufe des Abends zeigen aber nicht viele Leute Bilder von Ehefrauen oder -männern, Autos, Pferden, Hunden oder anderen „Leistungsbeweisen“ (auf einer früheren Feier haben wir sogar eine Schrankwand gesehen!). Dafür haben einige ihre Passfotos von früher mitgebracht, Leute, die man heute überhaupt nicht mehr erkennt, an deren Namen sich niemand erinnert und die sich mit den Fotos quasi für die Party „ausweisen“.

Über Jobs wird nur noch wenig gesprochen. Das liegt daran, dass sich da jetzt nicht mehr viel tut – weiter nach oben kann der Fahrstuhl nicht mehr fahren. Alle sind unermesslich reich, die Headhunter haben sie damals direkt von der Abifeier weg auf die Trainee-Sessel gezerrt. Aber die viele Asche bringt Sinnfragen mit sich, das stumpfe Geldanhäufen befriedigt nicht mehr. Und deshalb können sich jetzt alle vorstellen, nochmal „was ganz anderes zu machen“, malen, Greenpeace oder La Gomera. Viele sind auch zermürbt von Selbstvorwürfen, vom quälenden Was-wäre-wenn: „Kurz bevor ich zur Hypo gegangen bin, hatte ich ein Angebot von der Münchner Rück“, jammert einer. „Hinterher ist man immer schlauer“, schreie ich gegen den „Safety Dance“ von Men Without Hats an. Und schiebe einen noch beknackteren Satz nach: „Aber wer weiß, wofür’s gut ist.“

Wir sind heute alle, auch wenn ich mich da jetzt wiederhole, sehr einflussreich und betucht. Mann, wenn ich mir vorstelle, dass hier auf diese Gastwirtschaft heute Abend eine Bombe drauffliegen würde – so viele wichtige Leute dürfen eigentlich gar nicht zur selben Zeit am selben Ort sein. Aber das Schöne ist: Wir sind alle auf dem Teppich geblieben. Wir sind bescheiden aufgewachsen, und wir sind es geblieben. Was hatten wir denn damals schon? Der Krieg war noch keine 40 Jahre vorbei, wir hatten noch kein Handy, kein WLAN, und zu Weihnachten gab’s vielleicht eine Mandarine oder ein Ratzefummel. „Heute, da kriegen die jungen Leute doch alles vorn und hinten reingeschoben“, ereifert sich einer. „Vorne und hinten reingeschoben, höhö“, macht ein anderer, dem offenbar die schweinische Doppeldeutigkeit des Bildes aufgefallen ist. Wird jetzt richtig gut, die Party.

Ich spreche eine Frau an, neben der ich vor allem in der Mittelstufe oft gesessen habe. Sieht nach wie vor sehr gut aus, kaum verändert, bestimmt Sport und gute Ernährung (oder sie hat was machen lassen). „Lass mich raten, wer du bist“, flötet sie beschwipst, und schlägt mir dazu ein Spiel vor: „Ich stelle immer eine Frage, und du antwortest nur mit ja oder nein.“ Aber schon die erste Frage („Warst du damals Lehrer oder Schüler?“) törnt mich derart ab, dass ich sie einfach stehen lasse, die doofe Botox-Schnalle.

Das Tolle ist, dass alle ihre iPads dabeihaben. So kann ich „Jankes Bunte Welt“ herumzeigen und damit angeben. Aber irgendwie komme ich nicht so richtig an damit, sie schnallen’s offenbar nicht. Ich hör nur was von „Geschäftsmodell nicht klar“, „zu viel Zeit“ und „doch wohl nicht wirklich öffentlich“. Der Prophet im eigenen Land, da isser wieder.

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Das ist Joe Bausch – bekannt, oder?

Lieber tanzen jetzt. Der Floor ist schon sehr voll, alle hotten total ab, einige haben sogar schon die Sakkos ausgezogen. Der hat’s aber auch drauf, der DJ, herrlich! Wir recken die Fäuste hoch, hopsen so auf und ab und singen jede Zeile mit: „SKANDAL UM ROSIE!“ Solche Lieder, die werden doch heute gar nicht mehr geschrieben.

Um 12 Uhr ist dann Schluss, viele müssen morgen früh raus oder können auch gar nicht mehr länger schlafen als bis um 6. Mit zig Leuten mache ich aus, dass wir jetzt mal wieder enger in Kontakt bleiben. Facebook oder ja, Entschuldigung: Linkedin. „Wenn du mal in Reutlingen bist, klingel an“, ruft mir einer nach, als ich ins Taxi steige. Aber klar, so oft ist man dann auch wieder nicht in Reutlingen.

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3 Gedanken zu “Abi 84 – und dann ganz nach oben

  1. Cornelius (Abi 84) 13. Januar 2014 / 12:58

    Three thumbs up 😉

  2. Wolfgang 15. Oktober 2014 / 20:52

    Hey – wir waren ja alle so Crazy drauf. Kaum zu glauben, dass all diese Top Leute Zeit hatten. Hab den Abend genutzt alle Adressen aufzufrischen. (Den ganzen Arm mit dem Kulli beschmiert). Ergo und Ego Therapeut, Sporter, Wissenschaftler, Anwälte und Ärzte – alle waren da. Und die Mädels- was für Jahrgänge! Bin auf dein Update gespannt. Bis neulich – spätestens in 5 Jahren

  3. klausjanke 16. Oktober 2014 / 09:19

    Hi Wolfgang,

    ich fand’s auch super! Und halte mir schon für 2019 die infrage kommenden Wochenenden frei!

    Klaus

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