Ein Schlag ins Gesicht des Brutalismus

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Der „Turm“: Sonntag ist Ende Gelände

Übermorgen wird ja hier der AfE-Turm abgerissen, der „Turm“, wie wir Insider ihn nennen. So lange gehörte er zur Frankfurter Uni, und jetzt soll er einfach weg, Schluss, aus, finito. Der „Turm“ ist 116 Meter hoch und damit das höchste Gebäude, das in Europa jemals gesprengt wurde, wie die Süddeutsche rausgekriegt hat.

„Ich wünsche dem Turm, dass er schön zusammenfällt“, erklärt der berühmte Politikwissenschaftler Iring Fetscher, 91, der im 24. Stock sein Zimmer hatte. „Ich hoffe nur, dass es gutgeht, dass kein Unglück passiert – das ist nicht ausgeschlossen.“ Da sagt er was: Schräg gegenüber in der Robert-Mayer-Straße ist nämlich ein sehr gutes asiatisches Restaurant, Vina Sushi, wo es mittags für nur 5,50 Euro ein super „All you can eat“ gibt. Wäre schade, wenn der „Turm“ irgendwie schief wegkippt und das schöne Restaurant ausradiert würde.

Apropos Asiaten: Heute Morgen bin ich nochmal beim „Turm“ vorbeigegangen und habe Bilder gemacht. Da kam ein japanisches Pärchen vorbei, das sich offenbar darüber wunderte – verständlich, wahrscheinlich würden selbst sie sowas Hässliches nicht fotografieren. „This building will be destroyed in two days“, erläuterte ich in dem für mich typischen, holprigen Englisch. Die beiden erschraken: „Oh, you Al-Kaida? Don’t do this! Don’t do this!“ Ich so: „No, don’t worry, I’m only JANKES BUNTE WELT, famous blog in Germany. Destruction is official.” Die beiden atmeten sichtbar auf und fingen dann auch an zu fotografieren. Ich tat pantomimisch so, als würde ich mit einem Maschinengewehr auf sie schießen, machte ein Daumen-hoch-Zeichen und ging weiter. Sie verstanden den Gag sofort und winkten mir zum Abschied lustig hinterher. So sind sie, immer kontaktfreudig.

An den „Turm“ bleiben mir jetzt nur noch Erinnerungen: Ich habe zwar dort nicht „studiert“, wie man das anarchistische Treiben wohlwollend nannte, aber ich wohne in der Nähe vom „Turm“, sodass ich ihn immer sehe, wenn ich aus dem Fenster gucke. „Elfenbein“ steht selbstironisch oben dran, ein Wortspiel, das natürlich unverstanden in der Bildungsferne der modernen Großstadt verpufft. Mir war es jeden Tag Mahnung, mich nicht zu sehr in zwar anspruchsvoller, aber letztlich folgenloser Theoriearbeit zu verlieren. GRAB LIFE BY THE HORNS, das ist eher mein Motto, oder auch JUST DO IT.

Der Abriss am Sonntag wird eine ganz große Sache. Das Marriott-Hotel, das fast daneben steht, hat alle Zimmer mit Blick auf den „Turm“ ausgebucht. Schon vor Wochen sind sie angereist, die Gaffer, strolchen hier planlos im Viertel herum, hören Einstürzende Neubauten und bringen sich schon mal in Stimmung, indem sie „Der Turm“ lesen, Uwe Tellkamps ellenlange, aber bewegende Hommage an den Frankfurter Betonklotz.

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Schriftzug am „Turm“: Schrei nach einem anderen Leben

Vor allem sind alle gespannt, was mit den Leuten geschieht, die immer noch im „Turm“ wohnen. Die ihn quasi besetzen, um in guter alter Häuserkampf-Manier historisch wertvolle Bausubstanz zu schützen. Der „Turm“, das ist für sie auch eine Trutzzone gegen den Ungeist des kapitalistischen Bankfurt drumherum. „Love“, haben sie draußen an die Wand gesprüht, und „Ficken“ – es ist der Schrei nach einem anderen Leben, das allerdings für die unattraktiven, ungewaschenen Besetzer ewig Utopie bleiben wird. Sollten die Chaoten das Gebäude am Sonntag nicht räumen, bleibt es auf jeden Fall beim festgelegten Abrissplan: „Das Ding wird plattgemacht„, heißt es dazu in einer ungewöhnlich saloppen Mitteilung der Stadtverwaltung, „zur Not mit Mann und Maus.“

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Brutalismus pur: Kloster Sainte-Marie de la Tourette (Tourette-Syndrom)

Der Abriss ist natürlich auch ein Schlag ins Gesicht des Brutalismus, jenes Architekturstils, der Wert auf rohen, hässlichen Beton legte und laut Wikipedia seine Blütezeit zwischen 1953 und 1967 hatte. Auch der „Turm“ gehört zum Brutalismus, wurde allerdings erst 1972 fertiggestellt – klar, Frankfurt kommt erst auf den Trichter, wenn der Hype schon vorbei ist. Bekanntestes Bauwerk des Brutalismus ist übrigens das Kloster Sainte-Marie de la Tourette, in dem deswegen das berühmte „Tourette-Syndrom“ entstand. Gebaut wurde das Kloster von Le Corbusier, der überhaupt viel für den Stil getan hat. Guter Mann.

Übrigens bitte nicht mehr anrufen, ob Ihr am Wochenende bei mir „pennen“ könnt. An solchen Tagen wie jetzt Sonntag bin ich gern allein.

(Klosterfoto: elyullo, Creative Commons, Lizenzvereinbarung hier)

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